Meerrabe angeln: der Räuber, der zweimal Schatten heißt
Manche Fische tragen einen Namen, der etwas über sie verrät. Dieser trägt denselben Namen zweimal. Die Gattung heißt *Sciaena*, von griechisch σκιά, dem Schatten. Die Art heißt *umbra*, lateinisch — ebenfalls Schatten. Carl von Linné hat den Fisch 1758 so benannt, und als Fundort seiner Beschreibung steht Zadar an der kroatischen Küste. Im Volksmund heißt er rund ums Mittelmeer fast überall Rabe. Dieser Artikel handelt vom Meerraben, *Sciaena umbra* — dem dunklen Verwandten des Umberfischs, dem wir in dieser Serie schon den Artikel über den hellen Raben mit dem Bart am Kinn gewidmet haben.
Zweimal Schatten — und die Frage, warum
Die Herkunft der wissenschaftlichen Namen verzeichnet das ETYFish Project; die Seite mit der Familie der Umberfische (SCIAENIDAE) trägt den Stand v. 10.0 – 28. Juli 2026. Zur Gattung *Sciaena* Linnaeus 1758 steht dort: eine Latinisierung von skíaina (σκιαινα), „from the root σκιά, shadow“, ein griechischer Name für barschartige Meeresfische — und laut dem schwedischen Naturforscher Artedi bezogen auf die „dunkle und schattige Farbe“ gerade dieser Art. Zu *umbra*: „Latin for shade or shadow, referring to its blackish (‚nigro varia‘) or dark color (especially juveniles)“ — also auf die schwärzliche, besonders bei Jungfischen dunkle Färbung. Zweimal Schatten, beide Male wegen der Farbe.
⭐ FishBase erzählt die Gattung ganz anders. Dort steht zu *Sciaena*: „Greek, skiaina, skion = a fish, red mullet“ — ein Fisch, die Rotbarbe. Von Schatten kein Wort. Und die englische Wikipedia erklärt *umbra* mit „shadow“ or „phantom“, Schatten oder Phantom — belegt aber ausgerechnet mit der FishBase-Seite des Umberfischs *Umbrina cirrosa*, wo das Phantom für dessen schnelle Bewegungen steht. Über den Meerraben selbst schreibt FishBase das Gegenteil: Taucherbeobachtungen zeigten einen „very calm fish“ mit bemerkenswerter Auftriebskontrolle, der sich „without much apparent effort“ bewegt, scheinbar ohne Anstrengung. Ein Phantom, das es eilig hat, ist er jedenfalls nicht.
Ein Rabe an jeder Küste
Was die Wissenschaft Schatten nennt, nennen die Küsten Rabe. Die Namenslisten der GBIF (Schlüssel 2399670, gelesen am 27.09.2026) und von FishBase (Art-Nr. 1707, 125 Namen) zeigen das von Gibraltar bis ins Schwarze Meer: italienisch „Corvo“, „Corbo“, „Corbello“ und „Cuorvo“, katalanisch „Corball de roca“, der Rabe vom Fels, französisch „Corb“, rumänisch „Corb de mare“, der Meeresrabe, albanisch „Korbi i zi“, der schwarze Rabe, serbisch und montenegrinisch „Vranac“, schwedisch „Korpfisk“, der Rabenfisch, deutsch „Meerrabe“ und „Seerabe“. Im arabischen Raum führt FishBase „Ghourâb“ für den Libanon, „Ghrab“ für Tunesien und „Al Ghrâb“ für Algerien — ghurāb ist das arabische Wort für den Raben; Malta, dessen Sprache aus dem Arabischen kommt, sagt „Gharab“. Und für Griechenland steht neben „Σκιός“ auch „Καλιακούδα“, der Name eines Rabenvogels.
Mitten in dieser Rabenschar stehen Namen, die aus der Reihe fallen. Kroatisch, slowenisch und serbisch führt FishBase „Konj“ — das Pferd. Portugiesisch „Roncadeira-preta“, die schwarze Schnarcherin, und „Roncador“, der Schnarcher — ein Hinweis auf die Laute, die Umberfische mit ihrer Schwimmblase erzeugen (dazu unten). Türkisch heißt er „Eşkina“ oder „İşkine balığı“. ⚠️ Warum der Fisch auf dem Balkan ein Pferd ist, erklärt keine der Quellen.
Woran du den dunklen Raben erkennst
Die englische Wikipedia beschreibt ihn nach dem Marine Species Identification Portal: ein flacher Bauch und ein stark gewölbter Rücken, der ihm eine leicht erkennbare Form gibt, ein seitlich zusammengedrückter Körper, grau mit gold- und silberfarbenen Reflexen. Dazu ein großes, waagerechtes Maul, das bis auf Höhe des Auges reicht, mit feinen Bürstenzähnen. Das sicherste Merkmal sitzt an den Flossen: After- und Bauchflossen schwarz mit weißer Vorderkante, Rücken- und Schwanzflosse gelb mit schwarzem Rand, die Schwanzflosse meist gerade abgeschnitten.
- Meerrabe (*Sciaena umbra*): großes, waagerechtes Maul bis unters Auge, schwarze Bauch- und Afterflossen mit weißer Vorderkante, gelbe Rücken- und Schwanzflosse mit schwarzem Rand, stark gewölbter Rücken. Kein Bartfaden.
- Umberfisch (*Umbrina cirrosa*): kurzer, steifer Bartfaden am Kinn, kleines, unterständiges Maul, dunkle Längslinien auf dem Rücken, schwarzer Rand am Kiemendeckel.
- Die Kurzform: großes Maul, schwarz-weiße Bauchflossen — der dunkle Rabe. Bart und Streifen — der helle.
Wo er steht und was er frisst
- Verbreitung: laut FishBase im Ostatlantik von der südlichen Biskaya bis Mauretanien, gelegentlich bis Senegal, dazu im ganzen Mittelmeer und im Schwarzen Meer; Wikipedia nennt zusätzlich das Asowsche Meer.
- Tiefe und Boden: FishBase gibt 1 bis 200 Meter an, demersal, „mainly on rocky and sandy bottoms“ in flachem Küstenwasser, oft in Flussmündungen; er lebt auch in Höhlen und an Riffen.
- Tageszeit: „more active at night“, sagt FishBase. Laut Wikipedia findet man ihn tagsüber gelegentlich in Seegraswiesen und auf Fels nahe Höhlen und großen Spalten, in denen er Deckung sucht. Er ist gesellig und lebt in kleinen Gruppen.
- Beute: „small fishes and crustaceans“ — kleine Fische und Krebstiere (FishBase). Wikipedia nennt zusätzlich Algen.
- Laichzeit: im Mittelmeer von März bis August; in dieser Zeit bildet er laut Wikipedia große Laichansammlungen nahe den Flussmündungen. FishBase nennt eine Länge bei Geschlechtsreife von 23,5 cm und ein Höchstalter von 21 Jahren.
- Stimme: Wie viele Umberfische erzeugt er mit Muskeln an seiner gut entwickelten Schwimmblase Laute, mit denen sich die Tiere verständigen; laut Wikipedia hört er zudem sehr gut.
Wie man ihn befischt — aus der Biologie gedacht
Laut Wikipedia wird der Meerrabe im ganzen Mittelmeer kommerziell befischt, „mainly by spear fishing, trammel nets, and gill nets“ — mit der Harpune, mit Spiegel- und mit Stellnetzen. FishBase ordnet ihn in die Preiskategorie „Very high“ ein. Wie man ihn mit der Rute fängt, beschreibt keine der Quellen. ⚠️ Was folgt, ist ein Schluss aus seiner Biologie, keine Fangstatistik: Ein Fisch, der nachts aktiver ist, tagsüber Höhlen und Spalten aufsucht und kleine Fische und Krebstiere frisst, wird am ehesten in der Dämmerung und Nacht an felsigen Kanten mit Spalten gefangen, mit Naturködern wie Garnele, Krebs oder kleinem Köderfisch. Ein Fisch, der sehr gut hört, verzeiht keinen polternden Anmarsch über die Felsen.
⚠️ Und ein zweiter Schluss, diesmal aus der Gefährdung: Laut Wikipedia wird er besonders stark befischt, wenn er sich zur Laichzeit vor den Mündungen sammelt, und die Überfischung gilt als Sorge. Wer zwischen März und August vor einer Mündung auf eine Gruppe Meerraben trifft, trifft sie im verwundbarsten Moment ihres Jahres — das Zurücksetzen ist hier die bessere Wahl. Welches Mindestmaß und welche Schonzeit gelten, regelt das jeweilige Land; prüfe es vor Ort, bevor du entnimmst.
Vier Widersprüche, offen stehen gelassen
- Warum Schatten? ETYFish: beide Namen wegen der dunklen Farbe, *Sciaena* von σκιά. FishBase: *Sciaena* heißt „a fish, red mullet“, eine Rotbarbe. Wikipedia: *umbra* als Phantom — mit einem Beleg, der eigentlich zum Umberfisch gehört. Und das Phantom der schnellen Bewegungen passt schlecht zu dem „very calm fish“, den FishBase für den Meerraben beschreibt.
- Wie groß? FishBase nennt 70 cm Höchstlänge und 28 cm als übliche Länge. Wikipedia schreibt, er messe meist 30 bis 40 cm und könne 60 cm erreichen. Die übliche Länge der einen Quelle liegt also unter der Spanne der anderen, die Höchstlänge 10 cm darüber.
- Wo und wie tief? FishBase: 1 bis 200 Meter, im Atlantik ab der südlichen Biskaya. Wikipedia: 5 bis 200 Meter, ab dem südlichen Ärmelkanal. Und FishBase vermerkt, dass zwei Nachweise aus Belgien in Wahrheit Micropogonias undulatus waren — ein ganz anderer Umberfisch.
- Wie gefährdet? Die IUCN führt den Meerraben weltweit als „Near Threatened“, potenziell gefährdet, bewertet am 3. März 2020. Für das Mittelmeer allein stuft ihn die IUCN laut Wikipedia in einer eigenen Bewertung von 2011 als „Vulnerable“ ein, gefährdet. FishBase nennt seine Anfälligkeit für Befischung „Moderate to high“ (46 von 100) und die Anfälligkeit für den Klimawandel „High“ (62 von 100). ⭐ Beim hellen Umberfisch in dieser Serie lag die Klima-Zahl mit 70 noch höher.
Sechs Namen, die zum falschen Fisch führen
- „Corvo“, „Corbo“, „Corbello“, „Gurbell“, „Corb“, „Verrugato“, „Corvallo“. Diese Namen teilt sich der Meerrabe mit dem Umberfisch *Umbrina cirrosa* — sie stehen in den GBIF-Listen beider Arten. Frag nach dem Bart: Hat er einen, ist es der helle Rabe.
- Die Adler-Namen. Dänisch heißt er laut FishBase „Brun ørnefisk“, der braune Adlerfisch, estnisch „Tume kotkaskala“, der dunkle Adlerfisch, englisch „brown meagre“ — und die französische GBIF-Liste führt „maigre“. Der Adlerfisch und der maigre sind in dieser Serie aber *Argyrosomus regius*, ein eigener Artikel.
- „Corvina“. Steht italienisch, spanisch und portugiesisch für den Meerraben, italienisch auch als „Corvina di sasso“, die Corvina vom Stein. In Spanien ist corvina aber auch der Adlerfisch. Ein Wort, mindestens zwei Fische.
- „Seebarsch“ und „kaya levreği“. Die deutsche GBIF-Liste führt „Seebarsch“, die türkische „kaya levreği“, den Fels-Levrek. Beides sind im Alltag Namen des Wolfsbarschs — der ist kein Umberfisch.
- „Σκιός“. Heute führen GBIF und FishBase Σκιός (auch „Skios“, „Sykios“) für den Meerraben. Laut ETYFish war skión (σκιών) nach Rondelet (*Libri de piscibus marinis*, 1554) aber der neugriechische Name des Umberfischs *Umbrina cirrosa*. ⚠️ Ob der Name gewandert ist, sagt keine Quelle.
- Verunreinigte Listen. Die italienische GBIF-Liste enthält „Obyknovennaya stavrida“ — die russische Bezeichnung des Stöckers in lateinischer Umschrift. Die kroatische enthält „Skoumpri“, griechisch die Makrele, die russische „Teleskop-kardinalfisk“, und die italienische führt als „Ombrina leccia“ einen Namen, dessen zweiter Teil italienisch die Gabelmakrele bezeichnet. Eine Namensliste ist eine Sammlung, kein Wörterbuch.
Bleibt die Frage, mit der jeder Artikel dieser Serie anfängt: wann. Boden, Tiefe und Beute stehen oben, und sie stehen fest. Was sich jeden Tag ändert, ist alles andere — Luftdruck und seine Richtung, Wind, Strömung, Trübung, der Abstand zur Dämmerung. Für einen Fisch, der nachts aktiver wird und tagsüber in Spalten wartet, ist das Zeitfenster die halbe Arbeit: Die Höhle bleibt, die Stunde nicht. Genau das rechnet StrikeAhead aus — es nimmt die Bedingungen an deinem Wasser und sagt dir, wann sich der Weg lohnt. Und wenn du das Revier nicht kennst, sagt dir StrikeAhead Pathfinder, mit wem du hinausfährst: kuratierte Guides und Skipper, vor dem Listing persönlich geprüft — Lizenz und Versicherung —, mit verifizierten Fängen statt Werbefotos, ohne bezahltes Ranking und für dich als Angler ohne Vermittlungsgebühr.