Schellfisch angeln: der Räuber, dessen Name den Strich meint, nicht den Punkt

Jeder Artikel dieser Serie beantwortet dieselbe Frage: Wie überlistet der Angler den Räuber? Mit welchem Köder, in welcher Tiefe, zu welcher Zeit. Beim Schellfisch beginnt die Antwort mit einem Missverständnis. Jeder kennt ihn an dem schwarzen Fleck über der Brustflosse — dem „Daumenabdruck", um den sich die Legenden ranken. Der Mann, der ihm 1758 den wissenschaftlichen Namen gab, meinte aber nicht den Fleck. Er meinte den Strich. Der Pol dieses Artikels heißt deshalb: der Räuber, dessen Name den Strich meint, nicht den Punkt. Gemeint ist der Schellfisch, *Melanogrammus aeglefinus*, vom Nordmeer bis in den Ärmelkanal.

Der schwarze Strich und der geliehene Name

Die Herkunft der wissenschaftlichen Namen verzeichnet das ETYFish Project, ein etymologisches Register der Fischnamen. Die Gattung Melanogrammus setzt sich dort zusammen aus griechisch *mélanos*, „schwarz", und *grammḗ*, „Linie" oder „Federstrich" — und bezieht sich laut ETYFish ausdrücklich auf die schwarze Seitenlinie des Fisches: „referring to its black lateral line". Nicht auf den Fleck. Die Seitenlinie zieht bei ihm als dunkler, ununterbrochener Strich bis zum Körperende durch, und genau den hat der Namensgeber gesehen. Der berühmteste Punkt der Nordsee steht nicht im Namen.

Beim Artnamen wird es noch schöner. aeglefinus ist laut ETYFish „apparently a Latinization of ‚Eglefin,‘ its vernacular name in England according to Pierre Belon, *De aquatilibus* (1553)" — allem Anschein nach eine Latinisierung eines Volksnamens, den der französische Naturforscher Pierre Belon im 16. Jahrhundert aufschrieb. Die Richtung ist bemerkenswert: Sonst borgen die Volkssprachen beim Latein, hier hat das Latein beim Volk geborgt. ⚠️ Zwei Vorbehalte gehören dazu. ETYFish schreibt „apparently", also mit Vorbehalt. Und Belon verzeichnet „Eglefin" als Namen „in England", obwohl das Wort französisch aussieht und im Französischen bis heute *églefin* heißt — diesen Widerspruch löst keine der hier gelesenen Quellen auf, und dieser Artikel löst ihn auch nicht.

Die Volksnamen selbst teilen sich in vier Lager. In der Namensliste der GBIF zu *Melanogrammus aeglefinus* (Schlüssel 2415822, 169 Einträge aus 42 Sprachen) steht das Eglefin-Lager, Belons Spur: französisch „Églefin" und „Aiglefin", spanisch „Eglefino", katalanisch „Eglefí". Daneben das Flecken-Lager, das den Punkt doch in den Namen holt: polnisch „Plamiak", litauisch „juodadėmė menkė" — der schwarzfleckige Dorsch —, japanisch „モンツキダラ" neben dem üblichen „コダラ". Dann das Nord-Lager: deutsch „Schellfisch", niederländisch „Schelvis", dänisch „Kuller", schwedisch und finnisch „Kolja", norwegisch „Hyse" und „Kolje", isländisch „Ýsa", russisch „пикша", irisch „cadóg", walisisch „Hadog". Und schließlich das Esel-Lager: französisch „Âne", „Bourricot" und „Anon", italienisch „Asinello", bretonisch „anon". ⚠️ Warum ausgerechnet Esel, steht in keiner der gelesenen Quellen — dieser Artikel rät nicht. Dasselbe gilt für „Schellfisch" und „Kuller": ungedeutet, weil unbelegt.

💣 Und dann die Namensfallen, vier an der Zahl — und alle vier meinen einen anderen Fisch, dem diese Serie bereits einen eigenen Artikel gewidmet hat. Französisch „Saint-pierre" steht tatsächlich in der Schellfisch-Liste, gleich dreifach belegt (Catalogue of Life, EUNIS-Datenbank, IUCN-Rote-Liste) — im Französischen ist „Saint-Pierre" aber der Petersfisch (*Zeus faber*), der andere Fisch mit dem Daumenabdruck. Türkisch „mezgit" steht ebenfalls dort (Catalogue of Life, WoRMS) — üblicherweise ist „mezgit" der Wittling (*Merlangius merlangus*). Albanisch „Troftë deti" steht dort (Catalogue of Life) — wörtlich „Meerforelle". Und portugiesisch „Bacalhau" steht dort (EUNIS) — das ist der Kabeljau (*Gadus morhua*). Für Griechisch und Arabisch führt die Liste über alle 42 Sprachen hinweg gar keinen Namen. Deshalb trägt dieser Artikel in diesen Sprachen den wissenschaftlichen Namen im Titel mit, statt einen fremden Fisch zu benennen. Ein Nachsatz zur Ehrlichkeit: In derselben Liste stehen auch Gerichte statt Fischnamen — „Schellfisch Suppe", „Fiskekaka", „Pâté de poisson". Wer solche Listen liest, liest mit.

Der Fleck, die Legende und was die Fachquellen dazu nicht sagen

Der Fleck hat seine eigene Geschichte, und sie wird in Nordeuropa seit Jahrhunderten erzählt: Es sei ein Daumenabdruck — mal der des Apostels Petrus, der dem Fisch die Münze aus dem Maul nahm, mal der des Teufels, dem er sich aus der glühenden Hand wand. Zwei Fische tragen dieselbe Legende, der Schellfisch und der Petersfisch, und die französische Namensliste hat sie oben sogar miteinander verwechselt. ⚠️ Das Geländer dazu ist wichtig: Keine der vier hier gelesenen Fachquellen — ETYFish, GBIF, FishBase, Havforskningsinstituttet — erklärt den Fleck auf diese Weise. Es ist Volksüberlieferung, kein Befund. Und ETYFish sagt sogar ausdrücklich etwas anderes: Der Name kommt von der Linie.

Wo genau der Fleck sitzt, beantworten die Quellen unterschiedlich. Das FishBase-Artblatt verortet ihn „above the pectoral fin just below the lateral line" — über der Brustflosse, knapp unter der Seitenlinie. Das norwegische Havforskningsinstituttet (Meeresforschungsinstitut) schreibt: „Hysa er lett kjennelig på den svarte flekken under den fremste ryggfinnen" — leicht kenntlich am schwarzen Fleck unter der vordersten Rückenflosse. Beide beschreiben dieselbe Körperregion von zwei Seiten, aber sie sagen es verschieden, und dieser Artikel glättet das nicht. Was beide teilen: Der Fleck sitzt vorn, über der Brustflosse, unter dem Beginn der ersten Rückenflosse — und er ist das Merkmal, an dem man ihn erkennt.

Die übrigen Rahmendaten, jeweils mit Quelle. FishBase: marin, bodennah, 10 bis 450 Meter, üblich 10 bis 200 Meter; Nordatlantik und angrenzende Arktis, vom Mittelmeer bis Südgrönland, Island und südliche Barentssee ostwärts bis zur Karasee; bis 112 Zentimeter und 16,8 Kilogramm, üblich aber nur 35 Zentimeter; höchstes gemeldetes Alter 20 Jahre. Zum Körperbau: „relatively small mouth", ein vergleichsweise kleines Maul, der Unterkiefer kürzer als der Oberkiefer, dazu ein kleiner Kinnbartel. Erwachsene stehen laut FishBase in 80 bis 200 Metern über „rock, sand, gravel, or shells" bei 4 bis 10 °C. Gefressen werden „small bottom-living organisms": Krebse, Weichtiere, Stachelhäuter, Würmer und Fische — genannt werden unter anderem Sandaal, Lodde und Hering. Gefahr für den Menschen: „harmless". FishBase führt ihn als „highly commercial" und zugleich als gamefish.

⚠️ Ein Datum, das man mitlesen muss: FishBase führt für den Schellfisch den IUCN-Status „Vulnerable" (gefährdet, Kriterien A1d+2d) — bewertet am 1. August 1996. Diese Bewertung ist dreißig Jahre alt. Dieser Artikel behauptet deshalb nicht, was die IUCN heute sagen würde; er sagt nur, was FishBase führt, und nennt das Datum dazu. Wer den aktuellen Bestandsstand für sein Seegebiet braucht, findet ihn bei der zuständigen Fischereibehörde, nicht hier.

Zwei Bestände, zwei Fischgrößen

Für den Angler ist die wichtigste Zahl dieses Artikels keine Tiefe und kein Gewicht, sondern eine Unterscheidung. Das Havforskningsinstituttet weist die Bestände getrennt aus, und sie sind sehr verschieden groß:

  • Nordostarktisch (Barentssee, Nordnorwegen): bis 110 Zentimeter, 14 Kilogramm, bis 20 Jahre alt. Laichzeit März bis Juni, Hauptlaichplatz laut Institut die Westkante des Tromsøflaket.
  • Nordsee, Skagerrak und westlich Schottland: bis 60 Zentimeter, 4 Kilogramm, bis 15 Jahre alt. Derselbe Fisch, knapp die halbe Länge und weniger als ein Drittel des Gewichts.
  • Was das heißt: Ein Schellfisch von 60 Zentimetern ist in der Nordsee ein Ausnahmefisch und in der Barentssee ein mittlerer. Die Erwartung gehört an das Seegebiet angepasst, nicht an die Rekordzahl aus dem Artblatt.
  • Ein Fisch, zwei Namen: Im Norwegischen heißt er hyse und kolje — an der Süd- und Ostküste eher kolje. Wer in Norwegen Fangberichte liest, sucht besser nach beiden Wörtern.

Was das am Wasser heißt

  • Er steht am Grund, nicht im Freiwasser. FishBase nennt für Erwachsene 80 bis 200 Meter über Fels, Sand, Kies oder Schill bei 4 bis 10 °C. Wer ihn über tiefem Weichboden sucht, sucht dort, wo die Quellen ihn beschreiben — ein Beleg, dass eine bestimmte Angelmethode bei ihm fängt, steht in keiner der gelesenen Quellen, und dieser Artikel verspricht keine.
  • Das kleine Maul ist der Unterschied. FishBase beschreibt ausdrücklich ein „relatively small mouth" und eine Nahrung aus kleinen Bodentieren — Krebse, Weichtiere, Würmer. Das ist ein anderer Räuber als der, der einen ganzen Hering verschlingt. Wer die Beschreibung ernst nimmt, denkt beim Ködermaß in Richtung klein, nicht groß.
  • Der Fleck ist dein Merkmal, kein Bestimmungsschlüssel. Schwarzer Fleck vorn, dunkle durchgehende Seitenlinie, kurzer Unterkiefer, kleiner Kinnbartel — so beschreiben ihn FishBase und das Havforskningsinstituttet. Dieser Artikel ist trotzdem kein Bestimmungsschlüssel; wer die Art sicher wissen muss, fragt die zuständige Behörde oder ein Fachbuch.
  • Die Rekordzahl ist nicht deine Zahl. 112 Zentimeter stehen bei FishBase, 35 Zentimeter stehen dort als das Übliche. Zwischen diesen beiden Zahlen liegt der ganze Unterschied zwischen einer Schlagzeile und einem Angeltag.
  • Regeln selbst prüfen. Dieser Artikel nennt bewusst keine Mindestmaße, Quoten und Schonzeiten — der Schellfisch ist ein stark befischter Speisefisch, und die Regeln unterscheiden sich je Land und Seegebiet. Maßgeblich ist die zuständige Fischereibehörde; das hier ist keine Rechtsberatung.
  • Harmlos heißt harmlos. FishBase führt ihn als „harmless" — keine Giftstacheln wie beim Petermännchen, keine Zähne wie beim Seeteufel. Das Risiko an Bord ist die See, nicht der Fisch.

Der Schellfisch ist der Fisch, der zeigt, wie leicht man das auffälligste Merkmal für das wichtigste hält. Der Fleck ist die Geschichte, die alle erzählen; der Strich ist die, die im Namen steht. Beim Angeln ist es genauso: Das Auffällige ist selten das Entscheidende. StrikeAhead liest Bedingungen und Tiefe und lernt aus deinen Fängen; die App sagt dir, wann es sich lohnt, und StrikeAhead Pathfinder sagt dir, mit wem du an unbekanntem Wasser rausfährst — kuratiert, persönlich geprüft, mit verifizierten Fängen statt Werbefotos.

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