Bläuel angeln: der Räuber, der den Namen seines Vetters trägt
Jeder Artikel dieser Serie beantwortet dieselbe Frage: Wie überlistet der Angler den Räuber? Mit welchem Köder, in welcher Tiefe, zu welcher Zeit. Beim Bläuel beginnt die Antwort mit einem geliehenen Namen. In Frankreich heißt er „liche glauque“, in Italien „leccia stella“, in Slowenien „pegasta lica“, in Griechenland „Λίτσα“ — und jedes dieser Wörter gehört eigentlich einem anderen Fisch: der Gabelmakrele, *Lichia amia*. Selbst im Deutschen führt die Namensliste der GBIF für ihn „Gabelmakrele“. Der Pol dieses Artikels heißt deshalb: der Räuber, der den Namen seines Vetters trägt. Gemeint ist *Trachinotus ovatus*, im Deutschen Bläuel, in Spanien palometa blanca, auf Englisch derbio oder pompano.
Ein Name aus der Provence
Die Herkunft der wissenschaftlichen Namen verzeichnet das ETYFish Project, ein etymologisches Register der Fischnamen. Die Gattung Lichia — die der Gabelmakrele — ist dort eine „latinization of liche, local name for L. amia in Provence, France, as reported by Rondelet“: die Latinisierung von „liche“, dem provenzalischen Namen der Gabelmakrele, überliefert vom Naturforscher Guillaume Rondelet. Das Wort stammt also aus der Provence, und es meinte dort *Lichia amia*. Der Bläuel selbst trägt einen anderen, nüchternen Namen: Trachinotus von griechisch *trachys*, rau, und *notus*, Rücken — laut ETYFish ein Hinweis auf die kurzen Stacheln der ersten Rückenflosse. Und ovatus heißt „eiförmig“, nach der Körperform, im Original „corpore ovato“. Beide gehören zur selben Verwandtschaft: ETYFish führt *Trachinotus* und *Lichia* in derselben Unterfamilie, den Trachinotinae. Vettern also — und einer hat sich den Namen des anderen geliehen.
Wie weit das geht, zeigt die Liste der GBIF zu *Trachinotus ovatus* (Schlüssel 5210674, 120 Einträge). Es gibt ein Liche-Lager: französisch „Liche glauque“ und „Liche“, italienisch „Leccia stella“ und „leccio stella“, griechisch „Λίτσα“, „Μαυρολίτσα“ und „Λιτσομελάνουρο“, slowenisch „Pegasta lica“, serbisch „Lica modrulja“. Es gibt ein Gabel-Lager: deutsch „Gabelmakrele“, dänisch „gaffelmakrel“, niederländisch „gaffelmakreel“, norwegisch „gaffelmakrell“, schwedisch „blå gaffelmakrill“. Es gibt ein Pompano-Lager: englisch „pompano“ und „derbio“, portugiesisch „Dérbio“, spanisch „palometa blanca“ und „pámpano blanco“, finnisch „nuijapompano“. Und es gibt Namen, die nur ihm gehören: deutsch „Bläuel“ und „Dreipunkt-Langflossen-Stachelmakrele“, französisch „palomine“, albanisch „Lojbe pikaloshe“, türkisch „yaladerma“, arabisch „بنبان بيضوي“ — der eiförmige, wie im Artnamen.
💣 Vier Namensfallen, jede gegen die GBIF-Liste der Gabelmakrele (*Lichia amia*, Schlüssel 2391092) geprüft. Erstens das Liche-Wort. Französisch „Liche“, italienisch „Leccia“, griechisch „Λίτσα“, slowenisch und serbisch „Lica“, albanisch „Lojba“ und „lica“ stehen dort bei der Gabelmakrele — beim Bläuel meist nur mit Zusatz: *glauque*, *stella*, *pegasta*, *modrulja*, *pikaloshe*. Ohne den Zusatz ist der andere Fisch gemeint. Zweitens die Gabel. Deutsch „Gabelmakrele“ und dänisch „Stor gaffelmakrel“ gehören ebenfalls der Gabelmakrele, die in dieser Serie einen eigenen Artikel hat. Drittens „palometa“. Spanisch „Palometa“ und „Palometón“, portugiesisch „Palombeta“, französisch „Fausse Palomète“ stehen bei *Lichia amia*; beim Bläuel heißt es „palometa blanca“ und französisch „Palomète“ — ein Buchstabe und ein Adjektiv trennen die beiden. Viertens „Γουφάρι“. Die griechische Liste des Bläuels führt „Γουφάρι“ — doch γοφάρι ist im Griechischen der Blaubarsch, *Pomatomus saltatrix*, dem diese Serie ebenfalls einen Artikel gewidmet hat. Ein Wort, drei Fische.
Eiförmig, silbern, mit drei bis fünf Punkten
Die Rahmendaten stammen aus FishBase. Der Bläuel wird bis 70 Zentimeter lang, üblich sind 35 Zentimeter; das höchste veröffentlichte Gewicht liegt bei 2,8 Kilogramm. Er lebt im Ostatlantik von der Biskaya bis Angola, einschließlich des Mittelmeers und der vorgelagerten Inseln; nach Großbritannien und Skandinavien verirrt er sich nur selten. Der Körper ist mäßig lang und seitlich abgeflacht. Das Erkennungsmerkmal steht in der Kurzbeschreibung: grünlich-grauer Rücken, silberne Flanken und drei bis fünf senkrecht gestreckte schwarze Flecken vorne entlang der Seitenlinie — dazu passt der deutsche Beiname „Dreipunkt“. Die Spitzen von Rücken-, After- und Schwanzflosse sind schwarz. IUCN-Status „Least Concern“, bewertet am 10. Mai 2013; für den Menschen „Harmless“.
⚠️ Ein Widerspruch, offen benannt: ETYFish erklärt den Gattungsnamen mit fünf kurzen Stacheln der ersten Rückenflosse, FishBase zählt beim Bläuel sieben. Die Gattungs-Etymologie beschreibt die Gattung, die Zählung diese Art. Dieser Artikel ist kein Bestimmungsschlüssel.
Wo er steht: in der Brandung
Der wichtigste Satz für Angler steht bei FishBase unter „Biology“: „Adults are moderately common in shallow water in areas of surge“ — erwachsene Bläuel sind mäßig häufig im flachen Wasser, dort, wo die Wellen brechen. Und weiter: in klarem Wasser, über Sand- oder Schlammgrund; gelegentlich ziehen sie in Lagunen und Flussmündungen. Sie bilden Schulen. Ein zweiter Satz ist fast schon eine Anleitung: „Small specimens are regularly caught at night from steep rocky shores“ — kleinere Exemplare werden regelmäßig nachts von steilen Felsküsten aus gefangen. Die Eier treiben frei im Wasser. ⚠️ FishBase nennt zugleich einen Tiefenbereich von 50 bis 200 Metern; die Quelle erklärt nicht, wie beides zusammengeht. Dieser Artikel übernimmt beides und löst es nicht auf.
Was er frisst
Laut FishBase fressen erwachsene Bläuel „small crustaceans, mollusks and fishes“ — kleine Krebstiere, Weichtiere und Fische. Das Maul ist dafür gebaut: Der Oberkiefer reicht nur bis unter das vordere Drittel des Auges, das Maul ist also klein. Auf dem ersten Kiemenbogen sitzen unten 22 bis 32 Kiemenreusendornen, auf der Zunge ein kleines Band Zähne. Ein Räuber, aber kein großmäuliger: Er nimmt, was in der Brandung aufgewirbelt wird. FishBase führt ihn als „gamefish: yes“ — als Sportfisch —, daneben als Fisch der kleinen kommerziellen Fischerei und der Aquakultur.
Was das am Wasser heißt
- Die Brandung ist der Platz. FishBase beschreibt flaches Wasser, wo die Wellen brechen, klares Wasser und Sand- oder Schlammgrund. Wo das Weißwasser über Sand läuft, beschreibt die Quelle sein Revier.
- Kleines Maul, kleiner Köder. Ein Fisch, der kleine Krebstiere, Weichtiere und Fische frisst und dessen Oberkiefer nur bis unter das vordere Augendrittel reicht, ist kein Fall für große Köder. Welche Ködergröße genau fängt, sagt keine der gelesenen Quellen; dieser Artikel verspricht keine.
- Die Nacht an der Felsküste. Kleinere Bläuel werden laut FishBase regelmäßig nachts von steilen Felsküsten gefangen. Das ist eine Beobachtung, keine Garantie — aber ein Hinweis, wann und wo es sich lohnt, es zu versuchen.
- Ein Fisch, eine Schule. Er bildet Schulen. Wo einer beißt, sind oft weitere in der Nähe.
- Die Punkte bestimmen, nicht der Name. Drei bis fünf senkrechte schwarze Flecken vorne auf der Seitenlinie und schwarze Flossenspitzen trennen ihn von der Gabelmakrele. Wenn jemand „Liche“, „Leccia“ oder „Palometa“ sagt, frag nach dem Zusatz.
- Lagunen und Mündungen im Blick. Gelegentlich zieht er in Lagunen und Flussmündungen. Wo Brackwasser auf die Küste trifft, kann er stehen.
- Regeln selbst prüfen. Mindestmaße, Fangmengen und Schonzeiten unterscheiden sich je Land und ändern sich — maßgeblich ist die zuständige Behörde; das hier ist keine Rechtsberatung.
Der Bläuel ist der Räuber, der den Namen seines Vetters trägt: Das provenzalische „liche“ gehörte der Gabelmakrele, und doch heißt er in Frankreich, Italien, Griechenland und auf dem Balkan danach — nur ein kleiner Zusatz trennt ihn vom anderen Fisch. StrikeAhead liest Bedingungen und Tiefe und lernt aus deinen Fängen; die App sagt dir, wann es sich lohnt, und StrikeAhead Pathfinder sagt dir, mit wem du an unbekanntem Wasser rausfährst — kuratiert, persönlich geprüft, mit verifizierten Fängen statt Werbefotos.