Wrackbarsch angeln: der Räuber, der nach Schiffswracks heißt

Jeder Artikel dieser Serie beantwortet dieselbe Frage: Wie überlistet der Angler den Räuber? Mit welchem Köder, in welcher Tiefe, zu welcher Zeit. Beim Wrackbarsch beginnt die Antwort mit einem Schiffswrack. Der halbe Kontinent hat diesen Fisch nach gesunkenen Schiffen benannt — deutsch Wrackbarsch, englisch Wreckfish, niederländisch Wrakbaars, dänisch und norwegisch vragfisk, finnisch Hylkyahven, polnisch Wrakon —, und die Fachquelle liefert den Grund in einem einzigen Satz: „Adults prefer to inhabit caves and shipwrecks“. Der Pol dieses Artikels heißt deshalb: der Räuber, der nach Schiffswracks heißt. Gemeint ist *Polyprion americanus* — ein Fisch, der bis zu achtzig Jahre alt wird und dessen wissenschaftlicher Name auf einer Zeichnung aus dem Jahr 1801 beruht.

Viele Sägen — und ein Fisch namens Girom

Die Herkunft der wissenschaftlichen Namen verzeichnet das ETYFish Project, ein etymologisches Register der Fischnamen. Die Gattung Polyprion (Oken 1817) steht dort für „poly, many; prion, saw“viele Sägen —, „referring to serrations on preopercle and anal- and pelvic-fin spines“: nach den Zacken am Vorderkiemendeckel und an den Stacheln von After- und Bauchflosse. Wer den Fisch in der Hand hat, findet die Säge dort, wo FishBase sie beschreibt: „a rough bony ridge across upper part of the gill cover“ — ein rauer Knochenkamm quer über dem oberen Kiemendeckel. Die Familie führt ETYFish als POLYPRIONIDAE, „Wreckfishes“ — die Wrackfische. Und der Artname? „americanus“ sei „American, based on a drawing sent by British physician-naturalist John Latham (1740–1837) to Schneider, representing a fish called ‚Girom‘ in America“ — amerikanisch also, weil der britische Arzt und Naturforscher John Latham eine Zeichnung an Schneider schickte, die einen in Amerika „Girom“ genannten Fisch zeigte. ⭐ Das Bemerkenswerte: „Girom“ steht bis heute in der spanischen Namensliste der GBIF zu dieser Art. Ein Wort von einer Zeichnung aus dem Jahr 1801 hat zweihundert Jahre überlebt — und den Fisch nach einem Kontinent benannt, den FishBase in seiner Verbreitungszeile erst an zweiter Stelle nennt.

Wie unterschiedlich die Küsten diesen Fisch sehen, zeigt die Namensliste der GBIF zu *Polyprion americanus* (Schlüssel 5211265). Es gibt ein Wrack-Lager: deutsch „Wrackbarsch“ und „Wrackfisch“, englisch „Wreckfish“ und „Wreck bass“, niederländisch „Wrakbaars“ und „wrakvis“, dänisch, norwegisch und schwedisch „vragfisk“ beziehungsweise „vrakfisk“, finnisch „Hylkyahven“ — aus *hylky*, Wrack, und *ahven*, Barsch —, polnisch „Wrakon“, isländisch „Rekaldsfiskur“, walisisch „Pysgodyn Broc Môr“ und, am deutlichsten von allen, albanisch „peshku i anijeve të fundosura“: der Fisch der gesunkenen Schiffe. Es gibt ein Tiefen-Lager, und es liegt fast vollständig im Mittelmeer: italienisch „Cernia di fondale“, maltesisch „Cerna tal-fond“, „Dott tal-fond“ und „Hanzir tal-qiegh“, slowenisch „Globinska kirnja“, albanisch „Kerr fundi“ — überall der Grund, die Tiefe. Es gibt ein Stein-Lager: englisch „Stone bass“ und „Sea rock perch“, spanisch „Mero de roca“. Es gibt das französische „Poisson de bois“, den Holzfisch. Es gibt das maltesische „Hanzir“, das Schwein. Und es gibt, allein und unverwechselbar, das griechische „Βλάχος“ — der Vlache, der Hirte aus den Bergen, für einen Fisch, der nie eine Bergwiese gesehen hat.

💣 Sechs Namensfallen, jede gegen die GBIF-Listen der jeweils anderen Art geprüft. Erstens der Drachenkopf. Türkisch steht „iskorpit“ in der Liste dieses Fisches — und „iskorpit“ steht ebenso beim Großen Drachenkopf (*Scorpaena scrofa*, Schlüssel 2334574), der in dieser Serie einen eigenen Artikel hat. Nur „İskorpit hanisi“ meint den Wrackbarsch. Dieselbe Verwechslung noch einmal auf Französisch: GBIF führt hier die provenzalischen Formen „Cernio Escourpena“ und „Franfré Rascas“ — und *rascasse*, *escourpena* ist im Französischen genau der Drachenkopf. Zwei Sprachen, unabhängig voneinander, borgen für diesen Fisch das Wort des anderen. Zweitens der Kabeljau. Spanisch „Bacalao“ steht in der Liste dieses Fisches — und „Bacalao“ ist bei GBIF der spanische Name des Kabeljaus (*Gadus morhua*, Schlüssel 8084280), ebenfalls mit eigenem Artikel in dieser Serie. Drittens „Mero“. Spanisch „Mero“ und „Cherna“ stehen hier — „Mero“ steht aber auch beim Braunen Zackenbarsch (*Epinephelus marginatus*, Schlüssel 2388507) und beim Wolfsbarsch (*Dicentrarchus labrax*, Schlüssel 2394622, dort „Mero“ und „Cherne“). Ein Wort, drei Fische, drei eigene Artikel. Viertens die Cernia. Italienisch „Cernia“ ohne Zusatz ist der Zackenbarsch; dieser Fisch heißt nur „Cernia di fondale“. Genauso französisch: „Mérou“ allein ist der Zackenbarsch, hier braucht es „Mérou fanfré“ oder „Cernier commun“. Und maltesisch „Cerna“ steht bei beiden — nur „tal-fond“, *der Tiefe*, trennt sie. Fünftens der Balkan. GBIF führt für diese Art überhaupt keinen kroatischen Namen; serbisch steht „Kirnja glavulja“. Blankes „Kirnja“ aber ist der Zackenbarsch (serbisch „Kirnja“, slowenisch „kirnja“), und serbisch stehen „Kirnje“ sogar beim Wolfsbarsch. Slowenisch löst es sauber mit „Globinska kirnja“, der Tiefen-Kirnja. Sechstens die Schwesterart. In der englischen Namensliste dieser Art stehen „Hapuka“, „Hapuku“, „Bass Groper“ und „Blue Cod“ — das sind die Namen des neuseeländischen *Polyprion oxygeneios* (Schlüssel 5211261, dort „Hapuku Wreckfish“ und „New Zealand Groper“, französisch „Cernier de Nouvelle-Zélande“). Die Schwesterart sitzt also in der Namensliste selbst.

Zwei Meter zehn, hundert Kilo — und achtzig Jahre

Die Rahmendaten stammen aus FishBase. Der Wrackbarsch wird bis 210 Zentimeter Gesamtlänge lang, das höchste veröffentlichte Gewicht liegt bei 100 Kilogramm — und das höchste gemeldete Alter bei 80 Jahren. ⚠️ Dieselbe Quellenseite nennt im Rechenmodell zur Bestandserholung tmax = 76; die beiden Altersangaben stehen unvermittelt nebeneinander, und dieser Artikel löst das nicht auf. Die „common length“ gibt FishBase mit 80 Zentimetern Gesamtlänge an, die Länge bei der ersten Geschlechtsreife mit Lm 77,9 Zentimetern (Bereich bis 90 cm). ⚠️ Zwei Zahlen derselben Quelle, die fast aufeinanderfallen: Der übliche Fisch ist ungefähr so groß wie der Fisch, der gerade erst laichfähig wird. Was daraus folgt, entscheidet jeder selbst; die Zahlen stehen da. Zum Aussehen: „Bluish grey above, paler below with a silvery sheen; fins blackish brown“ — oben blaugrau, unten heller mit silbrigem Schimmer, die Flossen schwarzbraun; Jungfische tragen „black blotches on head and body“, schwarze Flecken auf Kopf und Körper. Der Körper ist „tall, compressed“, hoch und seitlich abgeflacht, mit großem Kopf und großem Maul. Die Flossenformel: 10 bis 12 Rückenstacheln, 11 bis 13 weiche Rückenstrahlen, 3 Afterstacheln, 8 bis 10 weiche Afterstrahlen. Der IUCN-Status ist „Data deficient“ — Daten unzureichend —, bewertet am 30. April 2003. ⚠️ Das ist eine über zwanzig Jahre alte Einstufung, die ausdrücklich sagt, dass man es nicht weiß. Für den Menschen gilt er als „Harmless“; die Fischerei führt FishBase als „minor commercial“, als Sportfisch ausdrücklich mit „gamefish: yes“. Die Erholungsfähigkeit des Bestands steht auf „Low“ mit einer Verdopplungszeit von 4,5 bis 14 Jahren, die Geschlechtsreife tritt nach 9 bis 10 Jahren ein. Die trophische Stufe liegt bei 4,1 — das ist Spitzenräuber-Bereich.

Höhlen, Wracks und schwimmende Dinge

Der für Angler wichtigste Satz steht bei FishBase unter „Biology“ und ist sechs Worte lang: „Adults prefer to inhabit caves and shipwrecks“ — erwachsene Fische bevorzugen Höhlen und Schiffswracks. Kein Freiwasser, keine Sandwüste: Struktur. Dazu der Gegensatz aus derselben Zeile: „Juveniles congregate below floating objects“Jungfische sammeln sich unter treibenden Objekten, unter Holz, Tang, allem, was oben schwimmt. Genau daher kommt vermutlich der französische „Poisson de bois“, der Holzfisch. Ein Leben beginnt also an der Oberfläche und endet im Wrack am Grund. Und wenn er dort unten angekommen ist, ist er allein: „Usually solitary“meist Einzelgänger. Die Tiefe nennt FishBase mit 40 bis 600 Metern, „usually 100–200 m“, üblicherweise hundert bis zweihundert. ⚠️ Die Umfeld-Angabe derselben Quelle lautet „Deep-water“, obwohl der Bereich schon bei 40 Metern beginnt; dieser Artikel übernimmt beides und löst es nicht auf. Sein Meer ist weit: „Eastern Atlantic: Norway to South Africa … including the Mediterranean“ — Ostatlantik von Norwegen bis Südafrika, einschließlich des Mittelmeers, dazu Kanaren, Madeira, Kap Verde und Tristan da Cunha; im Westatlantik von Neufundland bis North Carolina, dazu Uruguay bis Argentinien, St. Paul und Amsterdam im Indischen Ozean und Neuseeland im Südwestpazifik. Ein Fisch, der auf beiden Seiten des Atlantiks zu Hause ist — und dessen Name so tut, als sei nur die eine Seite gemeint.

Was er frisst — und wann er laicht

Die Beute fasst FishBase in sieben Worten zusammen: „Feed on large crustaceans, cephalopods and benthic fishes“große Krebstiere, Kopffüßer und bodenlebende Fische. Das ist keine Sardinenschule im Freiwasser, sondern Grundkost: Krabben und Hummerartige, Tintenfische, Fische, die selbst am Boden leben. Die trophische Stufe von 4,1 passt dazu — er frisst Tiere, die ihrerseits Tiere fressen. Zur Fortpflanzung ist die Quelle knapp und ohne Konjunktiv: „Spawn in the summer“ — er laicht im Sommer. Dazu „Primary gonochorists“: Er ist ein primärer Getrenntgeschlechtler, wird also als Männchen oder Weibchen geboren und bleibt es — anders als der Zackenbarsch, mit dem ihn ein halbes Dutzend Sprachen verwechselt und der das Geschlecht im Leben wechselt. Ein Fisch, der neun bis zehn Jahre bis zur Geschlechtsreife braucht, achtzig werden kann und dessen Bestandslage die IUCN seit 2003 mit „Data deficient“ beschreibt, ist kein Fisch, bei dem man aus dem Bauch heraus entscheiden sollte.

Was das am Wasser heißt

  • Die Position ist der ganze Fisch. FishBase nennt Höhlen und Schiffswracks als bevorzugten Aufenthalt erwachsener Tiere. Wer das Wrack nicht kennt, findet den Fisch nicht — hier entscheidet Ortskenntnis, nicht der Köder.
  • Hundert bis zweihundert Meter. Die Quelle nennt 40 bis 600 Meter Tiefe, üblich 100 bis 200. Vom Ufer ist dieser Fisch nicht erreichbar; das ist eine Bootsangelegenheit.
  • Einer, nicht zehn. „Usually solitary“ — erwachsene Wrackbarsche sind meist Einzelgänger. Ein Platz, ein Fisch; kein Schwarm, der nachrückt.
  • Grundkost, keine Sardinen. Große Krebstiere, Kopffüßer, bodenlebende Fische. Welche Ködergröße oder Methode fängt, sagt keine der gelesenen Quellen; dieser Artikel verspricht keine.
  • Treibgut ist Kinderstube. Jungfische sammeln sich unter schwimmenden Objekten. Was unter dem Brett hängt, ist womöglich der Nachwuchs des Fisches, den man unten sucht.
  • Achtzig Jahre, neun Jahre bis zur Reife. FishBase nennt ein Höchstalter von 80 Jahren, eine Verdopplungszeit von 4,5 bis 14 Jahren und Erholungsfähigkeit „Low“; die IUCN steht seit 2003 auf „Data deficient“. Das ist ein Argument für schonende Behandlung und fürs Zurücksetzen — und eine Sache der eigenen Entscheidung.
  • Regeln selbst prüfen. Kroatien etwa führt *Polyprion americanus* im Sportfischerei-Regelwerk gemeinsam mit den Zackenbarschen und begrenzt diese Gruppe auf eine Einheit je Angler; Mindestmaße, Fangmengen und Schonzeiten unterscheiden sich je Land und ändern sich. Maßgeblich ist die zuständige Behörde; das hier ist keine Rechtsberatung.

Der Wrackbarsch ist der Räuber, der nach Schiffswracks heißt: Ein Fisch, dessen Gattungsname „viele Sägen“ bedeutet, dessen Artname von einer Zeichnung aus dem Jahr 1801 stammt und den die Küsten Europas je nach Blickwinkel nach Wracks, nach der Tiefe, nach Stein, nach Holz oder nach einem Hirten aus den Bergen benennen. Was sie alle beschreiben, ist dasselbe: ein alter, einzelgängerischer Fisch an einer Struktur, die man kennen muss. StrikeAhead liest Bedingungen und Tiefe und lernt aus deinen Fängen; die App sagt dir, wann es sich lohnt, und StrikeAhead Pathfinder sagt dir, mit wem du an unbekanntem Wasser rausfährst — kuratiert, persönlich geprüft, mit verifizierten Fängen statt Werbefotos, ohne bezahltes Ranking und für dich als Angler ohne Vermittlungsgebühr.

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